Versuch

Auch das Verfehlen eines Ziels kann als Versuch strafbar sein.
Auch das Verfehlen eines Ziels kann als Versuch strafbar sein.
(Letzte Aktualisierung: 14.03.2021)

Das Strafgesetzbuch umschreibt fast alle Delikte für den Fall, dass sie vollendet wurden. § 212 StGB regelt, was passiert, wenn jemand „einen Menschen tötet“, nicht aber, was passiert, wenn jemand einen Menschen zu töten versucht, aber das Opfer überlebt. Weil aber auch eine nur versuchte Tötung eine ganz erhebliche Tat gegen den Frieden in der Gesellschaft darstellt, kann die Justiz das nicht ignorieren. Aus diesem Grunde ist auch der bloße Versuch einer Straftat in den meisten Fällen strafbar.

Wird eine Tat nur versucht, ist es aber eben nicht zur Vollendung gekommen. Es ist also kein Schaden entstanden oder nur ein geringerer. Das muss auch das Strafrecht berücksichtigen. Darum ist die Strafe in diesem Fall grundsätzlich geringer, teilweise sogar deutlich. Manche Straftaten sind überhaupt nicht strafbar, wenn sie nur versucht wurden.

Allgemeine Fragen

Wann ist eine herbeigeführte schwere Folge bei nur versuchtem Grunddelikt strafbar?

Nach h.M. liegt eine Strafbarkeit nur dann vor, wenn die Gefahr der schweren Folge durch die deliktische Handlung und nicht durch den Erfolg besteht.

Was ist ein Tatentschluss mit Rücktrittsvorbehalt?

Beim Rücktrittsvorbehalt ist der Täter zwar zur Tat entschlossen, aber will die Ausführung unter bestimmten Umständen aufgeben. Auch dann liegt ein Tatentschluss vor, jedoch kann der Täter noch strafbefreiend zurücktreten.

Wie werden innere Vorbehalte behandelt?

Beim Vorliegen innerer Vorbehalte hat der Täter die Tat nur ins Auge gefasst und ist tatgeneigt. Ein Entschluss liegt damit aber noch nicht vor.

Wann beginnt das unmittelbare Ansetzen zur Tat?

Unmittelbares Ansetzen liegt vor, wenn die tatbestandliche Handlung begonnen hat.

Subjektiv muss er der Meinung gewesen sein, dass die Tat nun beginnt. Objektiv muss sein Verhalten so eng mit der Ausführungshandlung verknüpft sein, dass es bei ungestörtem Fortgang unmittelbar zur Verwirklichung kommt.

Ein Indiz ist es jedenfalls, wenn das Angriffsobjekt schon konkret gefährdet ist und keine wesentlichen Zwischenschitte zur tatbestandlichen Handlung mehr erforderlich sind.

Stellt das „Klingeln an der Haustür“ einen Versuch dar?

Grundsätzlich handelt es sich nur um eine Vorbereitungshandlung. Etwas anderes gilt nur, wenn nach dem Tatplan der Täter unmittelbar nach dem Öffnen der Tür losgeschlagen hätte.

Beginnt der Versuch bereits, wenn nur ein Regelbeispiel verwirklicht wird?

Nein, ein Regelbeispiel ist gerade nicht Teil des Tatbestands. Vollendet der Täter ein Regelbeispiel, so muss er dadurch noch lange nicht zur Tat als solcher angesetzt haben.

Wann beginnt bei mittelbarer Täterschaft der Versuch?

Die mittelbare Täterschaft wird versucht, sobald die Bestimmung des Werkzeugs abgeschlossen ist und dieser aus seinem Einwirkungsbereich entlassen ist, sodass er die angedachte Handlung vornehmen kann.

Liegt ein Tatentschluss auch dann vor, wenn die Tatvollendung noch auf unsicherer Tatsachengrundlage fußt?

Ja, der Tatentschluss darf insbesondere noch davon abhängen, dass sich die Tat überhaupt „lohnt“ oder sie überhaupt „nötig“ wird.

Wird die Strafe nach dem besonders schweren Fall bemessen, wenn ein Regelbeispiel nur versucht wird?

Ja, nach Ansicht des BGH sind Regelbeispiele insofern zumindest tatbestandsähnlich. Der höhere Strafrahmen knüpft dann bereits an den Tatentschluss an, die Nichtvollendung des Regelbeispiels kann aber die Indizwirkung beseitigen.

Wann beginnt der Versuch bei Selbstschädigungsfällen?

Die Rechtsprechung unterscheidet hierbei nach dem Grad der Sicherheit der Schädigung:

Steht aus Sicht des Täters fest, dass der Erfolg eintreten wird, so liegt die Gefährdung und damit der Versuchsbeginn mit Abschluss der Vorbereitungen durch den Täter vor. Weiß der Täter also, dass das Opfer jeden Tag morgens in sein Auto steigt und den Zündschlüssel umdreht, so ist ein Versuch schon mit Verdrahtung der Autobombe gegeben.

Ist dieser Erfolg allerdings ungewiss, liegt noch keine konkrete Gefahr vor. Denkt der Täter also, dass das Opfer vielleicht irgendwann mit seinem Auto fährt, so beginnt der Versuch erst, sobald das Opfer tatsächlich eingestiegen ist und Anstalten in Richtung Fahrtbeginn macht.

Wann beginnt das unmittelbare Ansetzen beim Unterlassungsdelikt?

Dies ist umstritten. Teilweise wird auf den erstmöglichen, teilweise auch auf den letztmöglichen Rettungseingriff abgestellt. Eine differenzierende Ansicht verlangt eine konkrete Gefährdung des Opfers.

Rücktritt

Wann ist der Versuch fehlgeschlagen?

Ein Fehlschlag liegt vor, wenn der Täter erkennt, dass er sein Ziel entweder nicht mehr oder nur noch mit zeitlicher Zäsur erreichen kann.

Wie kann der Täter zurücktreten?

Ein Zurücktreten ist stets dadurch möglich, dass die Vollendung verhindert wird oder man sich ernsthaft um die Verhinderung bemüht, die Tat aber aus anderem Grund nicht vollendet wird.

Der Einzeltäter kann zudem beim unbeendeten Versuch die Tathandlung einfach aufgeben. Der Mittäter ist auch dann nicht strafbar, wenn er sich ernsthaft um die Verhinderung bemüht hat, die Nichtvollendung aber aus anderen Gründen erfolgt ist.

Wann werden die Regeln über den Rücktritt des Einzeltäters auf Mittäter angewandt?

Die Bewertung erfolgt ausnahmsweise nach § 24 Abs. 1, wenn die Mittäter alle gemeinsam zurücktreten.

Kann der Täter noch vom Grunddelikt zurücktreten, wenn bereits eine schwere Folge eingetreten ist?

Ja, auch dann ist das Grunddelikt noch nicht vollendet und ein Rücktritt bleibt möglich. Eine Verurteilung kann aber natürlich wegen der Folge an sich erfolgen.

Wann ist ein Versuch fehlgeschlagen, wenn es noch eine Fortsetzungsmöglichkeit gibt?

Nach der herrschenden Gesamtbetrachtungslehre ist der Versuch nicht fehlgeschlagen, wenn der Täter mit seiner Tat unmittelbar fortfahren kann, auch wenn ein bestimmter Versuch gescheitert ist.

Wann ist der Versuch beendet?

Ein beendeter Versuch ist erst anzunehmen, wenn der Täter nach dem Abschluss der letzten von ihm vorgenommenen Ausführungshandlung alles getan hat, was nach seiner Vorstellung zur Herbeiführung des Erfolgs ausreichend ist.

Wann ist der Rücktritt freiwillig?

Ein freiwilliger Rücktritt ist anzunehmen, wenn er Täter noch „Herr seiner Entschlüsse“ ist, also die Verwirklichung seines Plans noch für möglich hält. Keine Freiwilligkeit ist gegeben, wenn der Täter, durch äußere Zwänge oder auch durch psychischen Druck gehindert wird, die Tat zu vollenden.

Was ist mit Denkzettelfällen gemeint?

Bei den Denkzettelfällen hat der Täter sein außertatbestandliches Ziel (den „Denkzettel“ für irgendjemanden) erreicht, ohne die Tat vollendet zu haben.

Kann man in Denkzettelfällen noch zurücktreten?

Ja, denn die Tat im Sinne des § 24 ist immer nur die tatbestandliche, nach dem StGB strafbare Handlung. Auf andere Ziele kommt es insofern nicht an.

Gibt es den Versuch eines Regelbeispiels?

Grundsätzlich nicht da § 22 nur den Versuch von Tatbeständen (also z.B. auch Qualifikationsmerkmalen) regelt.

Es stellt sich aber die Frage, ob die Indizwirkung des Regelbeispiel auch dann besteht, wenn es lediglich versucht wurde. Der BGH geht davon aus, dass ein versuchtes Regelbeispiel neben einem vollendeten Diebstahl keine Berücksichtigung findet. Neben einem versuchten Diebstahl, bei dem eine Strafmilderung möglich ist, verschärft es jedoch die Schuld.